Sechs Waldrappe ziehen für den Artenschutz in die italienischen Alpen.
Der Waldrapp (Geronticus eremita) zählt weltweit zu den am stärksten gefährdeten Vogelarten. Das europäische LIFE-Projekt zur Erhaltung dieser Art hat nun mit der Gründung der fünften Brutkolonie innerhalb des Wiederansiedlungsprojekts in den Alpen ein neues Kapitel aufgeschlagen. Und in diesem Kapitel spielt auch der Tierpark Nordhorn als Arten- und Naturschutzzentrum eine wichtige Rolle: Sechs der zwölf Gründertiere stammen aus dem Familienzoo und sind bereits im Mai in ihre neuen Waldrapp-Voliere in Caprino Veronese in den Bergen oberhalb des Gardasees in Norditalien umgezogen.
Mit der Eröffnung der neuen Voliere entstand die fünfte Kolonie innerhalb des europäischen Wiederansiedlungsprojekts. Die Gründervögel wurden im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) ausgewählt. Den sechs Tieren aus dem Tierpark Nordhorn werden in Kürze weitere sechs aus dem Natura Viva Garda Animal Park folgen. Nach ihrer Eingewöhnung werden die 12 Tiere den Grundstock einer neuen Brutkolonie in Norditalien bilden. Caprino Veronese ergänzt damit die bestehende Kolonie in Fagagna und stärkt das Netzwerk von Brutstandorten, das für die Zukunft der wiederangesiedelten Population von zentraler Bedeutung ist.
Besonders wertvoll ist die strategische Lage entlang des Zugkorridors. Die hier schlüpfenden Jungvögel können die Zugroute von erfahrenen, freilebenden Altvögeln erlernen, die bereits selbstständig zwischen Mitteleuropa und ihrem Winterquartier in der Toskana migrieren. Gelingt dies, werden die jungen Waldrappen später an ihren Geburtsort zurückkehren und dort selbst brüten. So kann die Kolonie auf natürliche Weise wachsen und zur Etablierung einer dauerhaft selbsterhaltenden Population beitragen.
„Wir sind stolz, dass Vögel, die in unserem Tierpark geschlüpft sind, nun nachfolgenden Generationen ein Leben im angestammten Lebensraum ermöglichen können,“ so Zoodirektor Dr. Nils Kramer. „Die Nordhorner Waldrappe konnten durch unseren Kurator Dr. Dirk Wewers erfolgreich in das Europäische Erhaltungszuchtprogramm integriert werden, so dass wir nun in der Lage sind mit den Tieren an diesem besonderem Auswilderungsprojekt teilzunehmen“, so Nils Kramer weiter. „Es ist unheimlich erfüllend zu wissen, dass wir mit der Haltung und Nachzucht dieser zumindest auf den zweiten Blick wunderschönen Vogelart ganz unmittelbar zur Erhaltung der Wildpopulation beitragen können,“ so Kurator Dr. Dirk Wewers. Sollte dieses Projekt gut funktionieren, ist es eine weitere Erfolgsgeschichte für den Artenschutz, ermöglicht durch den unverzichtbaren Beitrag der vielen engagierten Zoologischen Gärten.
Zum Projekt: Das LIFE-Projekt zur Wiederansiedlung des Waldrapps verfolgt das Ziel, eine langfristig überlebensfähige und sich selbst erhaltende Zugpopulation dieser einst in Europa ausgestorbenen Vogelart aufzubauen. Dafür werden neue Brutkolonien etabliert und miteinander vernetzt sowie sichere Zugrouten zwischen den Brutgebieten nördlich und südlich der Alpen und dem gemeinsamen Überwinterungsgebiet in der Toskana geschaffen und dauerhaft gesichert. Ziel ist es, den Waldrapp langfristig wieder als festen Bestandteil der europäischen Vogelwelt zu etablieren.
Waldrappe im Tierpark Nordhorn: Die Waldrappe teilen sich im Tierpark Nordhorn ein großes Freigehege mit Gänsegeiern und Sibirischen Steinböcken. Die Gemeinschaftsanlage „Der Geierfelsen“ wurde bereits mit dem sogenannten „Zoo-Oscar“, dem BdZ-Biber, ausgezeichnet. Diese vom Berufsverband der Zootierpfleger e. V. (BdZ) ins Leben gerufene Auszeichnung würdigt jährlich eine Anlage, die sich durch besonders gute Tierhaltung und einen innovativen Charakter auszeichnet. Bewertet werden die Anlagen von einem Fachgremium des Verbandes aus der Sicht der Tiere, der Tierpflegerinnen und Tierpfleger sowie der Besucherinnen und Besucher.